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DIE KERAMIKERFAMILIE WESSELY
Von Hartwig Fiege
Vorbemerkung
Im Mai 1964 nannte der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg eine Straße, die nördlich des Stadtparks von der Hindenburgstraße abzweigt, Wesselyring". Die Benennung sollte dazu beitragen, dass die Erinnerung an den Bürgerschaftsabgeordneten Adam Hermann Wessely (1845-1922) und seine Verdienste erhalten bleibt. Von Beruf war Adam Hermann Wessely Keramiker, wie schon sein Vater und auch sein Sohn und sein Enkel. Seine Schwiegertochter, Frau Christine Wessely, überließ mir aus dem Wenigen, was die Bomben des letzten Krieges verschont hatten, Familienpapiere, Werklisten und Photographien zur freien Verfügung. Sie gewährten interessante Einblicke in das Leben eines ungewöhnlichen Mannes, so dass ich beschloss, weitere Nachforschungen anzustellen. Das Suchen in der historischen Literatur ergab wenig21. Wertvolle Hilfe boten dagegen das Staatsarchiv Hamburg; die Kachelofen- und Luftheizungsbauer-Innung Hamburg; die Bürgerschaftskanzlei; die Tiefbauabteilung des Bezirksamtes Hamburg-Nord; der Eppendorfer Bürgerverein von 1875; der ehemalige Mitarbeiter der Firma, Herr Keramikermeister Hans Link; Frau Margarete Hillert, die Tochter des langjährigen Werkmeisters Paul Krömer; Frau Margrit Hinrichs, die Enkelin des Bildhauers Hermann Perl und dessen Sohn Herr Hermann Perl; Herr Ofenbaumeister Werner Puls und Herr Friedrich Böttner. Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank.
Besonderen Dank aber schulde ich Frau Christine Wessely für die vertrauensvolle Überlassung der Familienpapiere und für ihre ständige Bereitschaft zu weiteren Auskünften. Und besonderen Dank schulde ich auch dem heutigen Inhaber der Firma A. H. Wessely, Herrn Töpfermeister Herbert Kohlwey, der mir wichtige Papiere lieh und ebenfalls mündliche Auskünfte erteilte. Auf Grund des zusammengetragenen Materials erwies es sich als sinnvoll, die Arbeit über Adam Hermann Wessely auszuweiten auf seinen Vater, seinen Sohn und seinen Enkel, so dass daraus eine Darstellung der Keramikerfamilie Wessely über vier Generationen geworden ist. Ihr Leben war eng mit den Geschicken unserer Heimatstadt verbunden, und ihre Werke sind noch heute vielfach darin sichtbar. Zuvor jedoch noch eine Bemerkung über den Namen ,Wessely" und die Herkunft der Familie. Der Name ist tschechischen Ursprungs. Er tritt als Ortsname in Böhmen mehrfach auf, z. B. in der Nähe von Olmütz. Vielleicht stammt die Familie aus einem dieser Orte. Sie könnte jedoch auch nach dem tschechischen Wort „Vesely", das „fröhlich" bedeutet, genannt worden sein.
Der älteste bekannte Wessely war Anton Wessely. Er war Fuhrwerksbesitzer und angeblich Posthalter in Pressburg. Als zeitweiliges Mitglied der Stadtverwaltung machte er sich durch die Beaufsichtigung der Schlachterbuden um die Allgemeinheit verdient. In den Kriegsunruhen um 1790 soll er die Aufsicht über das nahegelegene Schloss des abwesenden Fürsten Kaunitz geführt haben. Sein eigener Hof wurde im Kriege verwüstet, und der Verlust seines Vermögens ist wahrscheinlich der Grund für seinen Fortzug aus Pressburg nach Germeritz in Mähren gewesen.
/. Jacob Wessely (1799-1872)
In Germeritz wurde am 25. Juli 1799 sein Sohn Jacob geboren. Er trat nach Beendigung seiner Schulzeit als Lehrling in eine Werkstätte ein, die Ton- oder Kalkpfeifen herstellte. Als Geselle ging er nach Wien und erhielt hier in einer Ofen- und Tonwarenfabrik seine eigentliche Ausbildung zum Keramiker. Seine künstlerische Begabung fiel seinem Meister auf, so dass dieser ihn auf die Wiener Kunstschule schickte. Auf einer Kunstgewerbeausstellung begeisterten den preußischen Kronprinzen, den späteren König Friedrich Wilhelm IV, die von Jacob Wessely geformten Tierplastiken so sehr, dass er ihn aufforderte, seine Kunst in Preußen auszuüben.
Mit 24 Jahren ging Wessely auf die Wanderschaft. Sein Weg führte über Prag, München, durch die Schweiz und Deutschland über Breslau schließlich nach Königsberg. Dort traf er am 16. März 1830 ein. Er arbeitete in dem gut beleumdeten Geschäft des Töpfermeisters und Ofenfabrikanten Dyffke. Der schon betagte Meister überließ ihm großherzig einen Teil seiner Kundschaft, so dass er sich selbständig machen konnte. Er stellte die ersten weißglasierten Kachelöfen her und gewann damit bald eine zahlreiche Kundschaft und ein bedeutendes Vermögen. Er wurde Stadtverordneter, saß im Kollegium der Kunstschule und genoss großes gesellschaftliches Ansehen. Er lieferte Tonplatten, Öfen und Bauornamente für die Arbeiten an der Marienburg sowie Ofen für die königlichen Schlösser in Königsberg und Berlin. Sein Wahlspruch lautete: „Nur vorwärts streben ist wahrhaft leben." Jacob Wessely war ein leidenschaftlicher Jäger und pachtete große Jagden. Seine Tierbeobachtung verhalf ihm zu vorzüglichen Modellen von Elchen, Rehen und Hirschen. Ein Elchmodell schenkte er dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV und erhielt von diesem ein lobendes Anerkennungsschreiben. Am 2. November 1844 wählte ihn die Königliche Akademie der Künste zu „ihrem akademischen Künstler
Auf dem Höhepunkt seines Wohlstandes erwarb Jacob Wessely Gelände in Klein Nuhr bei Wehlau an der Alle mit eigener Jagdberechtigung und taufte seinen Besitz „Schön Nuhr". Er ließ ein größeres Wohnhaus sowie Gärtner-, Kutscher und Stallgebäude errichten, baute eine Ofenfabrik nebst Ziegelei mit Dampfbetrieb und eine Holzschneiderei. Diese Arbeiten kosteten bereits einen großen Teil seines Vermögens. Den Rest verlor er während der Geldkrise der Jahre 1859-1860. Mit geringen Renten zog er zu einem Freunde, dem Oberamtmann Nernst, auf dessen Vorwerk Petersdorf bei Wehlau und starb dort 1872.5)
//. Adam Hermann Wessely (1845-1922)
A. Jugendjahre
Adam Hermann Wessely wurde am 7. August 1845 als Sohn des Jacob Wessely und seiner Ehefrau Modeste Mathilde geb. Stieber in Königsberg geboren und am 6. Oktober 1845 dort in der deutsch-reformierten Burgkirche getauft und 1860 auch konfirmiert nach dem Umzug der Familie nach Schön Nuhr besuchte er das Gymnasium in Wehlau und wohnte während dieser Zeit bei Pfarrer Ziegler und Prediger Seeck. Als er zehn Jahre alt war, starb seine Mutter am 4. Januar 1856. Da der Vater bereits mit Geldschwierigkeiten kämpfte, verließ der Sohn nach dem Abschluss der Tertia die Schule und ging bei seinem Schwager Neubert in Königsberg in die Lehre. Dort wurde er zwar zu vielen Arbeiten herangezogen, aber kaum in der Töpferwerkstatt beschäftigt. Er zeichnete und modellierte gern und besuchte abends und sonntags die Kunstschule in Königsberg. Dem Ansehen seines Vaters verdankte er, dass er „nach gelinder Probearbeit als Geselle freigesprochen wurde. Sein Gesellenbrief wurde am 5. April 1862 ausgestellt. ,Von der Töpferei hatte ich nur wenig gelernt, eigentlich nur das, was ich als Sohn beim Vater gesehen hatte, doch konnte ich modellieren und zeichnen.
B. Wanderjahre
Inzwischen hatte sein Vater fast sein ganzes Vermögen verloren. Er entließ den Siebzehnjährigen mit mangelhafter Ausrüstung und acht Talern in die Fremde. Zwei seiner Onkel steuerten noch je vier Taler bei. Hermann Wessely reiste über Danzig nach Stettin und fand hier Arbeit in der Ofenfabrik von Keppler & Sohn. Er wurde mit dem Reparieren von Formen beschäftigt und lernte selbst Formen bei einem Lohn von anfangs drei, später dreieindrittel Talern, wovon Wohnung, Nahrung und Kleidung bestritten werden mussten. Sein Firmenchef bescheinigte ihm beim Abgang, „dass er sich während dieser Zeit als ein ordentlicher und fleißiger Mensch gezeigt hat. Im Übrigen bemerken wir, dass er bei seinen Arbeiten - in Anbetracht seines jugendlichen Alters - recht viel Geschick zeigte, so dass man wohl annehmen kann, dass er es mit Fleiß und Ausdauer vielleicht zu einem tüchtigen Geschäftsmann bringt.
Nach einem halben Jahr ging Hermann Wessely zu seinem Onkel, dem Generalmajor von Hofmann, nach Potsdam in der Hoffnung, als Soldat besser voranzukommen, wurde aber als untauglich abgewiesen. Als mittelloser Handwerksbursche fand er schließlich Arbeit in Berlin in der Ofenfabrik von Schuppmann und bald darauf als Former in der größten und renommiertesten Ofenfabrik Deutschlands von Feilner. Der Gründer dieser Firma, Thomas Christoph Feilner, war durch seine Zusammenarbeit mit Karl Friedrich Schinkel und Johann Gottfried Schadow sowie als Erfinder der Wachsmalerei bekannt geworden. Über die Berliner Zeit berichtete Hermann Wessely selbst: ,Während dieser Vorzeit habe ich wohl die schlimmste Zeit meines Lebens durchgemacht. Meine Wertsachen waren alle verkauft; ich war in Zeug vollständig abgerissen und wankte abends verzweiflungsvoll in den Straßen Berlins umher. Für 24 Silbergroschen wohnte ich bei einer alten Malerswitwe, die selbst nicht zu leben hatte, in einer Dachwohnung, in welcher meine Kammer direkt über einem Pferdestall lag. Der Stalldunst drang durch den Fußboden, wärmte wohl, gab aber eine schreckliche Luft und Feuchtigkeit, so dass ich zeitweilig angezogen in mein Bett stieg und des Morgens bei strenger Kälte eine gefrorene Bettdecke vor mir hatte.
Ich arbeitete im Akkord von morgens sechs Uhr bis abends acht Uhr und bekam vier Taler Abschlag jede Woche. Alle vier Wochen wurde abgerechnet. Trotz aller Anstrengung konnte ich in den ersten Monaten nichts erübrigen, da die Akkordpreise sehr niedrig und ich der schweren Arbeit noch nicht gewachsen war. Nach und nach lernte ich die Handgriffe wie das Putzen, Beschicken und Trocknen der Ofenverzierungen, und mein Obergeselle Zabel gab mir aus freiem menschlichem Mitleid lohnende Akkordarbeit und so auch kurz vor Ostern einen sogenannten Arabeskenaufsatz, welcher seiner starken Ornamente wegen sehr gut bezahlt wurde. Da fasste ich den Entschluss, mich Ostern in der Fabrik einschließen zu lassen, versorgte mich mit Brot und Milch, etwas Butter und Speck und arbeitete in den Feiertagen durch. Mein Lager hatte ich mir auf alten Kleidungsstücken, zeitweise Lumpen, welche wir zum Abhalten der Hitze auf unsere Waren legten, bereitet, und war ich nur von dem Gedanken beseelt, mir bessere Kleidung beschaffen zu können. Meine Mitgesellen, auch der Obergeselle Zabel, merkten dies wohl am dritten Feiertage; aber aus Mitleid und Beachtung der Sache wurde Schweigen beobachtet, da ich sonst wohl sofort entlassen wäre. Ich muss überhaupt sagen, dass ich hier unter den Fabrikarbeitern, meinen unmittelbaren Kollegen, die größte Unterstützung in Hilfelei-stung... gefunden habe.
Ich musste nun diese geleistete Arbeit auf zwei Rechentage verteilen, da sonst auch wohl im Comptoir der große Verdienst Aufsehen erregt hätte. Drei bis vier Wochen nach Ostern bekam ich dann über meinen wöchentlichen Abschlag von vier Talern wohl sechs bis neun Taler und kurz vor Pfingsten etwa zehn Taler extra ausbezahlt. Zu Pfingsten hatte ich mir einen Anzug bestellt, welchen ich allerdings nicht ganz bezahlte, konnte mir Stiefel, Wäsche und Hut kaufen, so dass ich am ersten Pfingsttage meinen Freund Schuppmann, welchen ich lange nicht gesehen, besuchen konnte. Diese gewagte aber immerhin energische Durchführung meines Willens, weiter zu kommen, gab mir den Mut, nun auf eigenen Füßen mich weiterzubilden und die mir gesteckten Ziele der besseren Zukunft zu verfolgen. Ich blieb bei Feilner etwa 1V2 Jahre, wurde von dem Inhaber der Fabrik, Herrn Fritz Friese, vertrauensvoll zur Kontrolle und Schriftführung der Reparaturarbeiten im Kriegsministerium herangezogen, wie auch sonst bei derartigen größeren Gebäudekonzernen einer Anzahl Leuten unter dem Werkführer Pape zur Kontrolle beigegeben. Im Winter besuchte ich abends und sonntags die Kunstschule, wurde auch von Herrn Friese darauf aufmerksam gemacht, dass er mir für später den Besuch der Akademie in Aussicht stellte. Zuletzt hatte ich einen Verdienst von sieben bis acht Talern pro Woche, was damals sehr viel war, hatte mich gut equipiert und ausgestattet, wollte aber die Welt sehen und konnte mich nicht schon damals in Berlin festsetzen"
Hermann Wessely wanderte nun nach Hamburg. Hier fand er im Oktober 1863 Arbeit in der schon seit 1760 bestehenden und seit 1839 von den Gebrüdern August, Johannes und Heinrich Spiermann geführten „Ofen- und Tonwarenfabrik" am Bäckerbreitengang 74, arbeitete in der Glasurstube und half lernbegierig bei der Anfertigung von Verzierungen und beim Gießen von Formen. Er verliebte sich in Johannes Spiermanns Tochter Mathilde. Der Verlobung wurde jedoch nur unter der Bedingung zugestimmt, dass er bis zu seiner und seiner Braut Volljährigkeit, also vier bis viereinhalb Jahre, Hamburg verlassen sollte und nach der Rückkehr wohl mit einer kleinen Aussteuer, nicht aber mit Geld oder gar Übernahme des schon in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Geschäfts der Gebrüder Spiermann rechnen könnte. Hermann Wessely verließ Hamburg und arbeitete zunächst bei Braune in Hannover. Von Heimweh geplagt, fuhr er, da ihm Hamburg verschlossen war, in seine Heimat Königsberg und arbeitete dort in der Ofenfabrik von B. Werger. Bei einem Lohn von acht Talern brachte er während des Winters die Modelle in Ordnung. Doch im Frühjahr 1866 rief ihn der neue Besitzer von Schön Nuhr, Gustav Burchard, in seine Ofenfabrik. Hermann Wessely wurde zum Setzen von Öfen und Herden an der Bahnstrecke von Königsberg nach Pillau eingesetzt und verdiente sehr gut, so dass er sich einige Reisemittel ersparen konnte, um über Braunsberg, Dirschau und Posen nach Breslau zu reisen. Dort erhielt er gute Arbeit in der Firma Galetschky und lernte hier nach eigener Bekundung das Ofensetzen erst gründlich. Von Breslau fuhr er am Sommerende 1866 nach Schweidnitz und wanderte dann durch Schlesien über Greifenberg, Löwenberg, Görlitz und Schandau nach Dresden.
Danach arbeitete er in Kassel und Gera, wo er bei Gebrüder Reibenstein sehr gut verdiente: „ Ich hatte mich glänzend equipiert, machte kleine Reisen in Thüringen und nahm unter den jungen Leuten der Stadt eine ganz geachtete Stellung ein, war flotter Tänzer und Sangesbruder. Bei meinen Arbeiten auf dem Lande z. B. Schmölln wurde ich auch mit Besitzern befreundet, erhielt Einladungen aller Art. Ich lernte in Schmölln einen Maurermeister kennen, und dieser hatte gehört, dass ich modellieren könnte, und da im Winter im Geschäft nicht viel zu tun war und in Schmölln kein Bildhauer für Fassaden existierte, so engagierte er mich zur Ausführung von Fenster-, Portal- und Türbekleidungen wie Giebelornamenten. Hier in Schmölln verlebte ich wohl die schönsten Tage meiner Fremdenzeit."
Nach kurzem Aufenthalt in Wien, wo er in den Firmen Decenthe und Hartmut Söhne arbeitete, folgte er einem Ruf der Firma Hofmann & Sohn in Frankfurt am Main. Diese sandte ihn als Ofensetzer nach Aschaffenburg, Heidelberg, Augsburg und Zürich. Der Firmenchef schätzte seine Arbeit und lud ihn sogar zu Tisch. Wessely nahm regen Anteil am geselligen Leben Frankfurts, verkehrte in wohlhabenden Bürgerkreisen und wurde Mitglied der Schützengilde und eines Faschingclubs. „Ausflüge im Sommer an den Rhein, in den Taunus, Odenwald, die Bergstraße verherrlichten diese schöne Zeit. Tanz, Gesang und gute Laune verschafften mir überall Freunde."
C. Firmen- und Familiengründung
Aber trotz guter Stellung und heiteren Lebens zog ihn die Bindung an seine Braut nach Hamburg zurück. Am Ende des Sommers 1869 traf er hier ein und wurde von Mathilde Spiermann und ihren Eltern herzlich aufgenommen. Nach unbefriedigender Arbeit bei Gebrüder Spiermann machte er sich im Mai 1870 in einer kleinen Erdgeschosswohnung in der Lilienstraße 14 selbständig. Im großen Vorderzimmer richtete er ein Musterlager mit zwei Herden und sieben Kachelöfen ein. Er wurde vom Malermeister Neddermann tatkräftig unterstützt, so dass er die Besitzer größerer Häuserkomplexe, z. B. Tiedemann Erben, Brockmöller Wwe., Scholvien Erben und einige Hotels als Kunden gewann. Trotz des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 konnte er im Verlauf des ersten Jahres schon sieben Gesellen und zwei Arbeitsleute beschäftigen. Er selbst war freilich auch unermüdlich tätig: „In den Frühstunden besorgte ich in der Privatkundschaft die vorkommenden Reparaturen, kleidete mich um, besuchte dann meine Arbeitsstätten in den Bauten und machte Empfehlungsbesuche. Oft war ich schon um 4 Uhr früh mit Holst [seinem Gesellen] beim Abladen von Steinen und zwar so früh, damit mich keiner meiner Bekannten dabei sah."
Am 19. November 1870 heiratete Adam Hermann Wessely Adolphine Henriette Mathilde Spiermann. Ihrer Ehe entsprossen die Töchter Clara, Elsa und Maria und die Söhne Harry und Curt. Harry erlernte ein Metallhandwerk, wanderte nach Swakopmund in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika aus, kehrte nach dem Ersten Weltkrieg in die Heimat zurück und starb hier bald darauf an der Grippe. Der Sohn Curt übernahm nach des Vaters Tode die Firma. Schon 1871 beschäftigte Hermann Wessely zwanzig Leute, während in dem zurückgehenden Geschäft der Gebrüder Spiermann nur noch sieben Leute arbeiteten. Auf Zureden seines Schwiegervaters und August Spiermanns übernahmen er und August Spiermann am 1. März 1872 als alleinige Inhaber die Handelsgesellschaft A. Spiermann & Wessely. Darin wurden die alte Firma Gebrüder Spiermann und die neue Wesselys auf dem Grundstück am Bäckerbreitengang 74 vereinigt. Aber Maschinen und Brennöfen erwiesen sich als so schlecht, dass große Reparaturen und Neuanschaffungen nötig wurden und das Betriebskapital schon nach drei Monaten festgelegt war. Jedoch, der junge Wessely genoss das Vertrauen des Zimmermeisters Schlüter, des Maurermeisters
Ehlers und des Architekten Martin Haller ebenso wie das der Eisenhandlungen von Paulsen & Rohde und Bullermann. Sein Sozius August Spiermann besorgte die Fabrik und arbeitete zuverlässig mit, während Wessely selbst oft schon um sieben Uhr zur Kundschaft unterwegs war und nachmittags in der Glasurstube eifrig mitarbeitete.
So ging es mit dem Betrieb ständig aufwärts. Wessely konnte ein zweites Grundstück am Bäckerbreitengang und eines am Heuberg 5/7 kaufen und in letzterem ein Musterlager aufbauen und Kontor und Wohnung dorthin verlegen. Nachdem August Spiermann am 19. Januar 1879 und seine Schwiegereltern, die er zu sich genommen hatte, 1879 und 1880 gestorben waren, wurde die Firma A. Spiermann & Wessely gelöscht und am 1. Januar 1880 Adam Hermann Wessely als alleiniger Inhaber der Firma A. H. Wessely eingetragen.
D. Die Ofen- und Tonwarenfabrik A. H. Wessely
Kacheln, Öfen und Kamine
Als Wessely seine Arbeit in Hamburg begann, waren weiße Kachelöfen mit Medaillons, die einen Hirsch, einen Jäger oder eine Fischerin umschlossen, gebräuchlich. Er erwarb sich nun das Verdienst um die Einbürgerung des Majolikaofens." Schon im Jahre 1876 stellte er in Hamburg drei farbig glasierte Kachelöfen aus und erhielt dafür eine Goldmedaille. Obgleich diese Öfen teurer waren als die herkömmlichen weißen, fanden sie guten Absatz. Wessely baute Öfen im Stil der deutschen Renaissance mit weitausladenden Krönungen, in der zierlicheren Art des Rokoko und der schlichteren Form des Empire und des Biedermeier, auf besonderen Wunsch auch in gotischen Formen. Als Vorlage dienten ihm zunächst Originalstücke im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, im Thaulow-Museum in Kiel und im Focke-Museum in Bremen. Aber schon bald zog er namhafte Künstler zur Gestaltung seiner Öfen und Kamine heran. Dazu gehörte der gebbürtige Tiroler Alois Denoth, der durch seine Statue Kaiser Franz II. und 28 Büsten von Berufstypen als Giebelbekrönungen an den Fenstern des Hamburger Rathauses bekannt wurde.
Carl Paul Börner, dessen Werk noch in den Löwen im Rathaushof, dem Hagedorndenkmal und der Kolumbusstatue an der Kornhausbrücke sichtbar ist, schuf für Wessely „figürlich reliefvierte Ofenkacheln" und eine Prunkvase, die sich heute im Museum für Hamburgische Geschichte befindet. Auch Engelbert Peiffer arbeitete für Wessely. Er führte z. B. die figürlichen Darstellungen an dem vom Architekten Arthur Viol entworfenen großen Wandkamin für das Schloss Sinaja des rumänischen Königs Carol I. aus. Entwürfe für Kaminaufsatzöfen schuf der Architekt, Bildhauer und Keramiker Robert Bichweiler. Auch die Künstler Wilhelm Schwartz, Ferdinand Westphal und Friedrich Rampendahl arbeiteten für Wesselys Fabrik.
Ein enges persönliches Verhältnis bestand zu dem Bildhauer Hermann Otto Gottlieb Perl. Seine Mutter war die Schwester Bertha des Firmenchefs. Perl wurde 1878 in Königsberg geboren, besuchte die dortige Kunstakademie und kam über Berlin zu seinem Onkel. Dieser richtete ihm am Falkenried ein Atelier ein. Perls „erster größerer Auftrag war die Ausführung sämtlicher Bildhauerarbeiten im Innern des Hamburger Elbtunnels. Alle für diesen am 7. September 1911 eingeweihten Elbtunnel von Hermann Perl entworfenen Keramikarbeiten wurden bei Wessely hergestellt.
Zu dem Gründer und ersten Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, Justus Brinckmann, stand Hermann Wessely in freundschaftlicher Beziehung. Brinckmann regte die Wiederbelebung der im 18. Jahrhundert gepflegten Blaumalerei nach Altdelfter Vorbildern an. Er veranlasste 1885 den Maler Hermann Haase, Versuche damit zu unternehmen, und dieser stellte schon ein Jahr später zusammen mit Oskar Schwindrazheim die ersten Arbeiten aus. 1888 zeigte Wessely einen Rokokoofen, der nach Alois Denoths Entwurf von Hermann Haase mit Blaumalereiansichten aus dem Hamburger Gängeviertel geschmückt war. Ihm folgte 1889 ein Barockofen mit Motiven aus dem Hamburger Hafen von Haases Hand.
1888 hatte Wessely zur Weiterbildung der wieder beliebt werdenden Blaumalerei einen der berühmten Maler der Familie Merckelbach aus Holland herangezogen. Davon zeugt eine weiß glasierte, blau mit Gitterfeldern, Blumenkörben und Behangmustern bemalte Deckelvase. Aber Hermann Haase blieb der eigentliche Träger der Blaumalerei in Hamburg und arbeitete zumeist mit Wessely zusammen. Er schuf die in Blaumalerei gehaltenen Ansichten der Stadt Hamburg und der Schlösser Bergedorf und Ritzebüttel in der Ratslaube des Hamburger Rathauses und die Kacheln mit Hamburgmotiven im Ratsweinkeller. Als der Reichspostmeister Heinrich von Stephan am 7. November 1894 das Gebäude der Altonaer Hauptpost, das heutige Postamt Hamburg 50, eingeweiht hatte, konnten die hohen Gäste in dessen Schalterraum ein in Blaumalerei ausgeführtes Kachelgemälde bewundern. Es stellte einen Teil der Verkehrsverbindung zwischen Hamburg und Harburg dar, wie sie vor dem Bau der Elbbrücke seit 1853 bestand, nämlich den Blick von der Landestelle der Fähre über die Norderelbe auf die Veddel hinüber nach dem Großen Grasbrook. Dieses Gemälde fiel den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer. Erhalten blieben dagegen Haases Blaumalereien mit Bildern aus dem alten Hamburg in Wesselys Treppenhaus am Falkenried 1.
Die im Wesselyschen Werk hergestellten Öfen und Kamine fanden weite Verbreitung im In- und Ausland. In Hamburg setzten z. B. die bekannten Architekten Martin Haller, Hanssen & Meerwein, Stammann & Zinnow, H. W Schäfer und Emil Wentzel, August und Hermann Spannuth, Arthur Viol und Georg Thielen seine Öfen in ihre Bauten für die Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft, die Hanseatische Baugesellschaft an Wex- und Jordanstraße, den Bauverein Wilhelmsburg, in Kasinobauten in Altona und Wandsbek, die Deutsche Seewarte und das Gebäude der General-Zoll-Direktion.
Wie die Liste der Mitglieder einer Adelsgenossenschaft liest sich die Aufstellung über die Lieferung von Öfen und Kaminen besonderer Art in der kleinen Festschrift zum fünfzigjährigen Geschäftsjubiläum. Dort findet man die Namen: Freiherr von Stumm in Hessen, Exe. von Treskow in Altona, Graf von Schimmelmann in Dänemark, Exe. Rücker-Jenisch auf Blumendorf, von Esmarch und Princess Louise in Kiel, Freiherr von Ohlendorff auf Gresse in Mecklenburg, Freiherr von Berenberg-Gossler in Niendorf, Großherzog von Oldenburg in Lensahn, Freiherr von Donner und Princess v. Holstein in Plön, Prinz von Preußen im Schloss zu Plön, Graf Rantzau auf Breitenburg. In derselben Liste zeigt sich auch, wie weit gestreut die Wesselyschen Erzeugnisse geliefert wurden. Neben den heimischen Schulen Wilhelm- und Wandsbeker Gymnasium, den Realschulen Alfredstraße und St. Pauli stehen die Schlösser Bergedorf und Ritzebüttel und das Herrenhaus des Gutes Wellingsbüttel.
Weiter finden sich: Baron von Schröder in Schottland, die Firma Stoffers in Glasgow, Kaufmann Blom in Barcelona, Hotel König von Dänemark in Kopenhagen, W Ohlendorff in Antwerpen, Bankdirektor May in Amsterdam, Admiralitätsgebäude auf Helgoland, diverse Wohnhäuser in Drontheim und Bergen, Fischereigesellschaft auf den Lofoten, Regierungsgebäude in Wladiwostok, Deutsches Klubhaus in Shanghai, Konsul Stubenrauch in Punta Arenas, Lodz in Polen und Lefevre in Paris25.
Zu Wesselys Erfolgen trug zweifellos auch bei, dass er sich neue technische Errungenschaften zu eigen machte und sie womöglich selbst verbesserte. Technisches Talent hatte der junge Mann schon während seiner Zusammenarbeit mit August Spiermann gezeigt, indem er für Öfen und Kamine einen Einsatzkasten mit einer besonders verschließbaren Wasserschale erfand und sich patentieren ließ. 1909 beantragte er eine Schutzfrist von drei Jahren für „vier Muster und zwar zwei von Majolika Öfen für elektrische Heizung und zwei von Majolika Kaminen. Er baute elektrisch geheizte Majolikaöfen und -kamine eigener Konstruktion und versah sie mit Holzscheitnachbildungen aus Chamottesteinen und Rubinglas.
Auf einem besonderen Wege gelangten Wesselys Arbeiten in die weite Welt. „Es gab keinen Ozeanriesen in der Zeit vor dem ersten Kriege, der nicht mit einem Wesselyschen Kamin ausgestattet war. Er belieferte die Werft von Blohm & Voß und die Reiherstiegwerft sowie auch Harland & Wolf in Belfast nicht nur mit Kaminen, sondern auch mit keramischen Wandbildern und Keramikfassungen für elektrische Beleuchtungskörper. Auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland stellte Wessely seine Erzeugnisse zur Schau und errang damit goldene, silberne und bronzene Medaillen und Ehrendiplome, z. B. auf den Weltausstellungen in Paris 1889 und Chicago 1893, den Gewerbeausstellungen in Hamburg, Berlin, Leipzig, Köln und Lübeck und der Industrieausstellung in München. Die Medaillen und Diplome stellte er in seinem Musterlager bei seinem Kontor am Heuberg neben den Prunkstücken seines Werkes zur Schau. Den auf der Weltausstellung in Chicago gezeigten großen Kamin kaufte die deutsche Reichsregierung für das Reichsgebäude in Berlin. Schon im Jahre 1889 konnte Wessely in seinem Musterlager sechzig verschiedene Öfen vorstellen. In den besonders ertragreichen Jahren zwischen 1885 und 1895 am Bäckerbreitengang beschäftigte er durchschnittlich dreihundert Mitarbeiter, und seine Wochenlohnliste überstieg 8000 Mark.
2. Tonwaren anderer Art
„Den kunstgewerblichen Arbeiten hat die Firma von je her ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zugewendet gehabt, und es wurde angestrebt, auch den kleinsten Gegenständen künstlerischen Ausdruck zu geben. So empfahl schon eine Preisliste der Firma A. Spiermann & Wessely, Vasen, Blumenschalen und Töpfe, Blumenständer, Elch-, Hirsch- und Rehköpfe, Humpen, Becher und kleinere Nippsachen in Terrakotta und Majolika. Auch die Festschrift erwähnt Vasen, Schalen, Zierteller und Einsätze, wobei einzelne Entwürfe der Kunstgewerbeschule ausgeführt wurden. Eine besondere Anregung erfuhr die Vasenherstellung durch Justus Brinckmann. Er schuf in seinem Museum für Kunst und Gewerbe eine reiche japanische Abteilung, und sie hat „die stärksten Wirkungen auf das neben ihr vor zwei, drei Jahrzehnten hoffnungsvoll aufblühende neue Kunstgewerbe ausgeübt33', auch auf die Arbeit in Wesselys Fabrik. Auf Alfred Lichtwarks und des von ihm 1892 gegründeten Vereins der Kunstfreunde Veranlassung stellte Wessely Versuche an, schöne Blumenvasen herzustellen. Lichtwark forderte, dass Maß, Gestalt und Farbe der Vasen von den Blumen genommen werden sollten, für welche die Vasen bestimmt waren. Aber die so geschaffenen Vasen fanden in der Bevölkerung nicht die erwartete Aufnahme. Später arbeiteten bei Wessely zeitweise zwei Malerinnen aus Worpswede. Sie bemalten zarte Gedecke und Schalen, und der Werkmeister Paul Krömer glasierte sie.
3. Küchen und Bäder
Hermann Wessely besaß nicht nur einen ausgesprochenen Sinn für das Schöne, sondern auch für das Praktische. Davon zeugt der Bereich seiner Arbeit, der sich mit der Herstellung von Herden, Kücheneinrichtungen und Bädern befasste. Vor allem ging es um die zweckmäßige Einrichtung von Großküchen für Hotels, Restaurants, Krankenhäuser, Volksküchen und größere Privathaushalte. Wessely besaß eine Reihe von deutschen Reichspatenten, z. B. für Dauerbrandeinsätze irischer Bauart für Küchenherde. Für das Eppendorfer Krankenhaus baute er den größten Herd Hamburgs mit vier Heizungen und acht Bratöfen, Wärmeschränken für eintausend Teller, Warmwasserversorgung und weiterem Zubehör. Er lieferte auch Bratspieße mit Uhren und Windflügeln, Gemüsespüler, Aufwaschbassins, Kupferwäschen, Haublocks und Mörser. Außer dem Eppendorfer Krankenhaus belieferte er das Marien- und das Freimaurerkrankenhaus sowie die Irrenanstalten Friedrichsberg und Langenhorn und dazu die Küchen verschiedener Stifte. Die Hotels Hamburger Hof, Schadendorff, Weidenhof, de l' Europe, de Russie, Kronprinz sowie das Englische Hotel und das Parkhotel Teufelsbrück, der Börsenkeller, der Dammtorpavillon, der Conventgarten, die Marientaler und die Elbschlossbrauerei zählten zu seinen Kunden. Auch an größere private Haushalte lieferte Wessely seine Kücheneinrichtungen, z. B. an den Fürsten Bismarck in Friedrichsruh. Außerdem stattete er die Badezimmer in Wohnhäusern mit vertieften Wannen aus Kachelwerkstücken mit kleinen Treppen und Schutzgeländern aus und baute Schwimmbassins mit Kachelbekleidung im Volksbad am Schaarmarkt und in der Badeanstalt an der Theaterstraße.
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E. Umzug nach dem Falkenried
Als der Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße durch das Gängeviertel der Neustadt beschlossen wurde, musste sich Hermann Wessely nach einem neuen Gelände für seine Keramikfabrik umsehen; denn die neue Straße querte den Bäckerbreitengang genau an der Stelle, an der sein Betrieb lag. Der Hamburger Staat kaufte das für den Straßenbau erforderliche Gelände auf, und von 1890 bis 1893 wurde die Kaiser-Wilhelm-Straße gebaut. Wessely wandte sich nach Eppendorf. In der „Looge", der ehemaligen Gemeindeweide des Dorfes, erwarb er eine ganze Reihe von Grundstücken am nördlichen Ufer des Isebeks, so dass ihm schließlich das ganze Uferstück zwischen dem Eppendorfer Baum und der Alster außer dem Grundstück des Dr. Schröder gehörte. Er beantragte den Ausbau der Oderfelderstraße über eine bereits geplante Brücke über den 1883/1884 vom Klosterland-Konsortium kanalisierten Isebek bis an die Eppendorfer Landstraße. Der Staat war bereit, die Brücke und diejenigen Straßenteile zu bauen, für die damals schon ein Bedürfnis bestand. Er machte aber zur Bedingung, dass Wessely von seinen Grundstücken das Land für eine 40 Meter breite Zufahrtsstraße nach der Eppendorfer Landstraße und soviel Gelände am Isebekkanal abtrat, wie zur Verbreiterung und Regulierung des Kanals und für die Anlage einer Uferstraße mit breitem Landungskai nötig war. Nachdem der Staat klagende Eppendorfer Grundeigentümer finanziell abgefunden hatte, wurde der Plan verwirklicht. 1889 erbaute Wessely die Straße Isekai und daran seine Villa Isekai 8. Durch Grundstückstausch gelangte er in den Besitz der Grundstücke Falkenried 1-5 und Lehmweg 18 und ließ 1896 durch den Architekten Carl Elvers am Falkenried 3-5 eine moderne Fabrik und 1898 die Wohnhäuser Lehmweg 18 und Falkenried 1 errichten. Das Treppenhaus des letzteren schmückte er mit Blaumalereikacheln mit Hamburgmotiven, die Hermann Haase gemalt hatte.
F. Gutsherr auf Wulksfelde
Hermann Wessely muss zu dieser Zeit ein sehr kapitalkräftiger Mann gewesen sein. Er kaufte nämlich 1893 ein schon nach einem Jahre wieder veräußertes Grundstück an der Barmbeker Straße sowie 1895 Grundstücke an der Klosterallee, an der Oberstraße und am Grindelhof.
Seine größte und schönste Erwerbung aber war 1892 das Gut Wulksfelde an der Oberalster. Als ideelle Beweggründe mögen seine Erinnerung an die Jugendjahre auf dem väterlichen Gut Schön Nuhr und seine Neigung zur Repräsentation eine Rolle gespielt haben. In wirtschaftlicher Hinsicht war die Beschaffung von Holz und Torf für die Brennöfen seiner neuen Fabrik von Bedeutung. Der Wulksfelder Gutsherr konnte Holz und Torf aus eigenem Besitz durch die letzten Alsterschiffer Hinrich und Ferdinand Willhöft aus Rade und Johannes Sieseberg aus Wiemerskamp die Alster hinunter bis in den Isebekkanal befördern lassen. Als einmal zwei kleine Kanonen aus dem Kanal gehoben wurden, ließ er sie nach Wulksfelde schaffen und auf der Terrasse hinter dem Herrenhaus aufstellen.
Im Sommer lebte die Familie auf dem Gut und empfing dort gern Gäste. Zur Verbesserung des weiten Weges von Hamburg nach Wulksfelde unterstützte Wessely den Plan einer Bahn, die von Ohlsdorf aus über Poppenbüttel, Duvenstedt und Wulksfelde nach Segeberg führen sollte. Als der Plan nicht verwirklicht werden konnte, sorgte er mit den Gemeinden Duvenstedt und Lehmsahl-Mellingstedt dafür, dass 1897 die Landstraße von Poppenbüttel über diese beiden Gemeinden nach Wulksfelde mit Anschluss an die Segeberger Chaussee gebaut wurde. Im Jahre 1898 verkaufte er das Gut Wulksfelde. Die Geschäfte im Ofen- und Kaminbau gingen zurück, weil sich die Art des Heizens wandelte. In Villen und Mietshäusern mit teureren Wohnungen wurden keine Öfen und Kamine mehr eingebaut, sondern zentrale Warmwasserheizungen, und die Brennöfen der Fabrik wurden nicht mehr mit Holz und Torf, sondern mit den auf dem Wasserwege billig heranzuschaffenden Braunkohlebriketts geheizt. Für Wessely kam hinzu, dass seine drei Töchter alle im Jahre 1898 heirateten und er ihnen eine Aussteuer von je 30 000 Mark mit in die Ehe gab. Einen neuen Sommerwohnsitz schuf er sich an der Alten Landstraße in Hummelsbüttel, heute Nr. 62. Es war ein großes Gelände an der Alster, das heute in viele Parzellen aufgeteilt ist, mit Bootshafen, Badehütte und Karpfenteich. Das Herrenhaus wurde mit Kacheln geziert. In den Eichensockel des Herrenzimmers waren Kacheln mit Fayencemalerei eingelassen, und die Diele und den Treppenaufgang schmückten Kacheln mit biblischen Motiven. Neben dem Wohnhaus wurden ein Gärtnerhaus, ein Pferdestall und ein Gewächshaus errichtet. Um 1918/19 verkaufte Wessely diesen Besitz, zog in die Violastraße in Groß Borstel und verbrachte hier seinen Lebensabend.
G. Arbeiten für Fritz Schumacher
Im Jahre 1909 wurde Fritz Schumacher als Baudirektor und Leiter des Hochbauwesens nach Hamburg berufen. In der Zusammenarbeit mit ihm entwickelte sich ein neuer Zweig in Wesselys Betrieb. Schumacher knüpfte an den mittelalterlichen Backsteinbau an und verwendete Keramik als Schmuck an seinen Bauten. Ihm folgte der Töpfer und Bildhauer Richard Kuöhl nach Hamburg. Von ihm sagte Schumacher: Vor allem in Richard Kuöhl, der mir aus Sachsen nachgezogen war, hatte ich einen Plastiker, der für volkstümliche Baukeramik einen ganz besonderen Sinn besaß.
Der am 31. Mai 1880 in Meißen geborene Kuöhl hatte das Töpferhandwerk erlernt. Die Zusammenarbeit mit Vater und Sohn Wessely ging so weit, dass der inzwischen als Bildhauer bekannt gewordene Kuöhl in Wesselys Werkstatt einen von ihm entworfenen Kachelofen baute und damit am 8. März 1938 die „Anleitungsbefugnis für die Kunsttöpferei", also das Recht zur Ausbildung von Lehrlingen, erhielt. Kuöhl schmückte zahlreiche Bauten Schumachers mit Keramikarbeiten, von denen viele bei Wessely gebrannt wurden.
1910-1911 baute Fritz Schumacher die Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld, die heutige Hochschule für bildende Künste. Der von Richard Luksch geschaffene keramische Schmuck aus grauglasiertem Steinzeug an der Fassade wurde ebenso bei Wessely gebrannt wie die Terrakotten an dem Schumacherbau der Schule Hoheweide 1911. Für das 1912-1915 erbaute Gewerbehaus, die heutige Handwerkskammer, lieferte Wessely einen von Arthur Storch gestalteten Brunnen in Steinzeug. Er wurde in der Mittelhalle aufgebaut, zerbrach jedoch später bei dem Versuch, ihn an einen anderen Ort zu verlegen und konnte nicht wieder hergestellt werden. Für die von Schumacher 1912-1914 erbaute Volksschule Tieloh schuf Richard Kuöhl in farbiger Klinkerterrakotta die schönen Märchen- und Sagengestalten wie Dornröschen, Aschenbrödel, Till Eulenspiegel und den Rattenfänger von Hameln sowie das Zifferblatt der Uhr, und Wessely brannte alles. Auch für die 1914-1920 von Fritz Schumacher erbaute Hauptfeuerwache am Berliner Tor lieferte Wessely die Terrakottaarbeiten.
Schon ehe Schumacher nach Hamburg kam, bestand der Plan, einen Stadtpark anzulegen. 1907 gehörte Hermann Wessely einem Ausschuss der Hamburger Bürgerschaft an, dessen Aufgabe es war, die „Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs für die Anlage eines Stadtparks in Winterhude zu beraten. Maßgebend für die Gestaltung des Parkes war der Gesichtspunkt, dass er ein für alle Kreise der Bevölkerung bestimmter Volkspark sein und dass er eine durch die Mittel der Kunst gesteigerte Möglichkeit zur Erholung und Erfrischung, zu Sport und Spiel bieten sollte." Kunstwerke, die im Stadtpark aufgestellt wurden, sollten diesem Ziel dienen. Ab 1910 schuf Fritz Schumacher gemeinsam mit dem Oberingenieur Fritz Sperber den Stadtpark als „Freiluft-Volkshaus und Erholungspark". Das Hamburger Wappen am Wasserturm und die von Richard Kuöhl gestalteten vier Kamine in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Milchwirtschaft wurden in Wesselys Fabrik hergestellt. „Diese Kachelöfen sind in einem stumpfen keramischen Material von rehbrauner Färbung ausgeführt, so dass sie sich den Tönen des dunklen Teils der Diele unauffällig einpassen. Sie sind durch eine in bäuerlichem Charakter gehaltene Verzierung (Bildhauer Kuöhl) belebt."4') Auch die von Elena Luksch-Makowska geschaffene und bei Wessely hergestellte Frau in weißglasiertem Steinzeug ist nicht mehr an ihrem Platz.
Außer für Schumacher entstanden noch weitere Arbeiten der Baukeramik. Nach Entwürfen von Richard Luksch gestaltete Wessely den Frontschmuck eines Geschäftshauses in Prag. Eine besonders schwierige Arbeit war die Herstellung der glasierten Formsteine für die Erneuerung des alten Rathauses und mehrerer Stufengiebelhäuser in Rostock, die dem mittelalterlichen Charakter der Gebäude angepasst werden mussten.
H. Ehrenämter
1. Berufsbezogene Ämter
Hermann Wessely gewann durch sein gewandtes Auftreten ebenso wie durch seine Überzeugungskraft und sein Können bald das Vertrauen seiner Berufsgenossen. Nach seinen eigenen Angaben und denen der Festschrift zu seinem fünfzigjährigen Geschäftsjubiläum war er Obermeister der Töpferinnung. Als solcher erscheint er auch in den Akten des Staatsarchivs und in einer Veröffentlichung des Museums für Kunst und Gewerbe. In der Innungsgeschichte der Töpfer und Kachelofenbauer fehlt dagegen sein Name in der „lückenlosen Aufstellung der Ältermänner und Obermeister seit 1701, und ihr Verfasser, Christian Madaus, bestätigte diese Feststellung. Da weder in der Innung noch in der Handwerkskammer Quellen bekannt sind, die genaue Auskunft geben könnten, bleibt die Sache ungeklärt. Sicher ist dagegen, dass Wessely in der Innung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Er gehörte ihrem Vorstand an, war Mitglied der Meisterprüfungskommission sowie zeitweilig Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses. Er förderte die Wohlfahrtsbestrebungen der Handwerksbetriebe und wurde zum zweiten Vorsitzenden der Töpferei-Berufsgenossenschaft Sektion II Norddeutschland, der nach der Reichsversicherungsordnung öffentlich-rechtlichen Arbeitgeberorganisation als Träger der Unfallversicherung, bestellt. Für diese Tätigkeit verlieh ihm Kaiser Wilhelm II. als König von Preußen 1912 den Roten Adlerorden 4. Klasse. Zum Geschäftsjubiläum 1920 sprach ihm die Berufsgenossenschaft Anerkennung und Dank aus: „Begleitet war Ihr reiches Schaffen von echter Bürgertugend und wahrem Gemeinsinn, der Sie für alle der allgemeinen Wohlfahrt dienenden und dem Fortschritt auf jedem Gebiete gewidmeten Bestrebungen mit warmem Herzen eintreten ließ.
So sind Sie auch durch 25 Jahre aufopfernder Arbeit im Dienste der Arbeiterfürsorge mit der Töpferei-Berufsgenossenschaft verbunden, an deren Verwaltung Sie mit Rat und Tat mitwirkten. Und die Sektion II schrieb: „Ihnen und Ihrer Tatkraft verdankt die Sektion die Befähigung, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Von Anbeginn unseres Daseins an haben Sie uns leitend zur Seite gestanden und in opferwilliger Weise unsere Angelegenheiten gefördert. Dankerfüllt gedenken wir Ihres Wirkens, das dem Wohle der unserer Fürsorge anvertrauten Hilfsbedürftigen gewidmet ist.
2. Mitglied der Bürgerschaft
Schon früh trat Hermann Wessely in die Politik ein. Auf sein Gesuch vom 8. Februar, in dem er sein versteuertes Einkommen mit 1100 Mark angab, wurde er am 19. Februar 1873 „zum Hamburgischen Staatsangehörigen aufgenommen" und leistete am 28. Februar 1873 den Bürgereid. Bereits 1877 wurde er von der Handwerkspartei im 24. Bezirk der Allgemeinen Wahlen in die Bürgerschaft gewählt. Damals erfolgte die Wahl zur Bürgerschaft nach der Verfassung von 1860 in drei Gruppen. Wahlberechtigt waren nur solche Hamburger, die das Bürgerrecht besaßen - 1875 nur 8,7 % der Bevölkerung - und Einkommenssteuer bezahlten. Diese Bürger wählten in den Allgemeinen Wahlen 84 Abgeordnete. Wer als Bürger auch Grundeigentümer war, konnte zusätzlich in einem zweiten Wahlgang 48 Abgeordnete wählen, und die „Notablen", die Bürger mit einem Ehrenamt, wählten außerdem in einem dritten Wahlgang 60 Abgeordnete.
Wessely war also einer der 84 Abgeordneten, die aus den Allgemeinen Wahlen hervorgingen. Er gehörte der Bürgerschaft zunächst von 1877 bis 1880 als Mitglied der Fraktion der Linken an. Die damaligen Fraktionen waren nur lose organisiert. „Die Linke wird man am ehesten als liberal bezeichnen können, die Rechte dagegen als konservativ. Der wichtigste Unterschied war wohl, dass sich die Linke für den Abbau des verfassungsmäßigen Übergewichts des Senats einsetzte, die Rechte aber diesen Vorrang des Senats betonte und behalten wollte. Im Jahre 1892 wurde Wessely im 3. Bezirk der Grundeigentümerwahlen in die Bürgerschaft gewählt. Diese Wahlperiode dauerte bis 1898. 1904 wurde er im 37. Bezirk der Grundeigentümerwahlen nochmals gewählt und blieb Mitglied der Bürgerschaft bis 1910. Während dieser beiden Legislaturperioden gehörte er der Fraktion Linkes Zentrum an, die sich für den Bestand der bisherigen Ordnung, gegen jedes Entgegenkommen gegenüber der Sozialdemokratie und insbesondere für den Schutz der kleinen und mittleren Handwerksbetriebe einsetzte. Nach Wesselys eigenen Angaben erstreckte sich seine Tätigkeit „besonders auf Arbeiten in den Ausschüssen konservativer Richtung für bürgerliche Rechte und Grundeigentum. Seit 1893 war er Mitglied der Militärersatzkommission und seit 1907 Steuerschätzungsbürger.
Wessely wirkte in vielen Ausschüssen der Bürgerschaft mit. Bau- und Verkehrsfragen fanden dabei offenbar sein besonderes Interesse; denn er gehörte folgenden Ausschüssen an: Verlagerung der Schule für Bauhandwerker in die Zollvereinsniederlage (1897), Sandsteinbekleidung der Börse (1892), Rathausbau (1895), Umbau eines Speichers auf dem Hof des Staatsleihhauses, Ausbau eines Fußgängertunnels unter den Straßenkreuzungen der Eisenbahnen am Alsterglacis, Ferdinandstor, Klostertor und Deichtor (1896), Neubau eines zweiten Gefängnisses in Fuhlsbüttel (1894), Errichtung verschiedener Gebäude auf dem Terrain des Krankenhauses Eppendorf (1894), Um- und Erweiterungsbau der Feuerwache an der Sedanstraße (1909). Ein Jahr nach dem Cholerajahr 1892 finden wir ihn in einem Ausschuss für Wohnungspflege. 1897 wirkte er dann auch in der von Senat und Bürgerschaft gemeinsam geschaffenen Kommission „betr. die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in einzelnen Teilen der inneren Stadt" wie auch im Ausschuss für die Verbreiterung der Straße Pilatuspool mit. Aus dieser gemischten Kommission gingen die Pläne für die umfassende Innenstadtsanierung hervor.
Hatte Wessely schon 1893 einem Ausschuss angehört, der sich mit dem Ausbau der Vorortsbahn zwischen Barmbek und Ohlsdorf befasste, so wurde er 1907 auch in einer „Senats- und Bürgerschaftskommission betreffend das Eisenbahn- und Verkehrswesen" tätig. Gelegentlich gehörte er Ausschüssen an, die sich mit Ankauf, Verkauf und Tausch von Grundstücken befassten, wobei der Verkauf von Staatsgrund in Eppendorf für ihn von persönlichem Interesse war. 1894 fand man ihn in einem Ausschuss, der sich mit der Reorganisation des Fortbildungsschulwesens und 1895 in einem, der sich mit der Umgliederung des Gewerbe- und des Kaufmannsgerichts in das Amtsgericht befasste. Aber auch in Ausschüssen über die Dienstzeit der Feuerwehrleute und über die Sicherung der Ansprüche von Bauhandwerkern und Arbeitern bei Bauunternehmungen war er 1896 und 1907 zu finden. 1907 arbeitete er mit in einem Ausschuss für die „Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs für die Anlage eines Stadtparks in Winterhude" und 1908 in einer „Kommission zur Wahrung des künstlerischen Interesses bei Bauten und Straßenanlagen.
3. Sonstige Ämter
Hermann Wessely gehörte viele Jahre dem Vorstand des nationalliberalen Reichstagswahlvereins von 1884 an und leitete die Wahlen zum Deutschen Reichstag. Vor allem setzte er sich für die Wahl Adolph Woermanns, des Hamburger Kaufmanns und Reeders der Deutschen Ostafrika-Linie und Förderers der deutschen Kolonialpolitik ein, auf den Bismarck den Ehrennamen des „königlichen Kaufmanns" prägte. Wessely gehörte zunächst dem Neustädter und später dem Eppendorfer Bürgerverein von 1875 an und diente dem letzteren um die Jahrhundertwende als Vorsitzender. Die Anliegen des Vereins vertrat er auch in der Bürgerschaft. So setzte er sich für dessen Forderung nach einer Verbindung der Görnestraße über die Alster hinweg zur Clärchenstraße ein.
Am 16. Mai 1871 trat Adam Hermann Wesseley als Lehrling in die christlich orientierte St. Johannis-Loge „Zum Pelikan" der Freimaurer ein, wurde am 30. September 1872 zum Gesellen und am 13. Juni 1873 zum Meister befördert und hatte das Amt eines Zeremonienmeisters inne.
/. Abschied und Ende
Für seine soziale Arbeit in der Kriegshilfe während des Ersten Weltkrieges wurde Hermann Wessely 1916 mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet. Dieser Krieg und die anschließende Inflation lähmten die Entwicklung der Firma. Ihre Leitung ging langsam aus den Händen des Vaters in die des Sohnes über, der am 1. Januar 1913 als Gesellschafter eingetreten war. Zu seinem fünfzigjährigen Geschäftsjubiläum am 1. Mai 1920 erhielt Hermann Wessely zahlreiche ehrenvolle Glückwünsche. Es wurde mit der gesamten Belegschaft im Musterlager der Firma am Falkenried groß gefeiert. Am 7. März 1922 starb Adam Hermann Wessely, und am 1. Juni 1922 übernahm sein Sohn Curt Wessely die Firma mit allen Aktiven und Passiven.
///. Curt Jacob Wessely (1887-1977)
A. Jugendjahre
Curt Jacob Wessely wurde am 4. Juni 1887 in Groß Borstel geboren und Ostern 1893 in die private Vorschule Thedsen am Jungfrauental 13 eingeschult. Er trat danach in die Realschule St. Pauli ein und wohnte, wenn die Eltern mit seinen älteren Geschwistern im Sommer in Wulksfelde lebten, bei dem Direktor der Schule, Professor Paul Reinmüller. Er schloss seine Schulzeit 1903 mit dem „Einjährigen", das der heutigen mittleren Reife entsprach, ab. Es folgten drei Lehrjahre auf der Keramikerfachschule in Höhr-Grenzhausen bei Neuwied. Ein weiteres Jahr arbeitete und lernte Curt Wessely bei der Firma Villeroy & Boch in Dresden. Darauf besuchte er ein Jahr lang die Kunstakademie in München und kehrte 1908 ins Elternhaus nach Hamburg zurück.
In den nächsten Jahren arbeitete er sich in die Fabrik ein, und der Vater nahm ihn mit auf Ausstellungen z. B. in England. Am 1. Januar 1913 nahm ihn der Vater als Gesellschafter in die Firma auf, die mit diesem Tage in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt wurde. Erst spät legte er, um den neuen Anforderungen zu genügen, am 15. April 1935 die Meisterprüfung ab.
Curt Wessely heiratete am 9. April 1919 die am 27. Mai 1897 geborene Christine Busch aus Klein Borstel. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, der am 20. Dezember 1920 geborene Curt Jakob und der am 9. Oktober 1922 geborene Hermann Christian.
An seinem 24. Geburtstage, dem 4. Juni 1921, trat Curt Wessely in die Freimaurerloge St. Johannis „Zum Pelikan" ein, der auch sein Vater angehörte. Er wurde am 12. Januar 1923 zum Gesellen und am 13. Juni 1923 zum Meister befördert . Die Loge wurde von den Nationalsozialisten verboten, und nach dem Ende ihrer Herrschaft findet sich Curt Wessely nicht wieder in der neu erstandenen Loge. Nach Beendigung der Inflation im Herbst 1923 führte er die Firma einer neuen Blütezeit entgegen.
B. Zweite Blütezeit der Firma
1. Kacheln, Öfen und Kamine
Curt Wessely setzte die Herstellung von Kacheln, Öfen und Kaminen in der überlieferten Weise fort. Er lieferte z. B. Stilöfen, Kamine und Herde für die Firma Haus Neuerburg in Blankenese und Trier sowie einen blauweißen Fayence-Kachelofen für das Landhaus des Herrn August Neuerburg in Menthin bei Parchim in Mecklenburg. Die Firma Reemtsma erhielt drei große Kamine und für ihr Landhaus in der Lüneburger Heide einen Fayence-Schüssel-Kachelofen. 1926 bekam das Weinrestaurant Jacob an der Elbchaussee einen farbigen Fayence-Kachelofen. Zahlreiche Kachelöfen verschiedener Stilarten wurden in den Villen wohlhabender anderer Bauherren in Hamburg und anderen Orten gesetzt. Für das Prienhaus am Jungfernstieg begann Wessely mit der Herstellung eines Fayenceofens mit antiken Blumenmalereien, doch als der Besteller starb, blieb der Ofen zunächst unvollendet und wurde erst nach dem letzten Kriege fertiggestellt und 1966 auf einer Ausstellung der Töpferinnung gezeigt. Im Altonaer Museum wurden mehrere Fayenceöfen gesetzt und im Museum für Hamburgische Geschichte ein alter Kachelofen der Firma, der früher im Herrenhaus des Gutes Wulksfelde gestanden hatte.
2. Baukeramik
a. Arbeiten für Fritz Schumacher
Curt Wessely baute die Herstellung von Baukeramik, an der er bereits seit Jahren beteiligt war, weiter aus. In den zwanziger und am Anfang der dreißiger Jahre schuf Fritz Schumacher in Zusammenarbeit mit dem Lehrerverein „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" eine große Zahl von Schulen64). Er war inzwischen vom Backstein- zum Klinkerbau übergegangen und zierte das Innere seiner Bauten mit kleinen Brunnen. Er ließ sie auf die unterschiedlichsten Weisen ausführen, „vor allem aber wurden Versuche in den verschiedensten Techniken der Keramik gemacht: Majolika, Steinzeug, Klinkerplastik in Naturton, schwarz überfangen oder durch farbige Emails belebt. Mehrere dieser Brunnen wurden in der Wesselyschen Fabrik hergestellt. So erhielten die Schule Langenfort zwei Terrakottabrunnen (1927-1929), die Walddörferschule in Volksdorf zwei glasierte Keramikbrunnen (1928-1931), die Schule in Berne einen Brunnen aus glasierter Keramik (1930) und die Oberschule im Alstertal am Erdkampsweg drei glasierte Keramikbrunnen mit Rehplastik (1929-1930). „Alle diese mannigfachen kleinen Brunnen sind nur bescheidene Werke; aber ist es für die Kultur einer Stadt nicht vielleicht wichtiger, dass viele solche Zeugen künstlerischen Wollens rings in ihr Leben eingestreut sind, als dass wenige gesammelt werden in einer Schatzkammer, die man Museum nennt?
Terrakottaarbeiten lieferte Wessely auch für Schumachers Brückenbauten, z. B. für die Brücken von-Essen-Straße (1926-1927), Eppendorfer Baum (1927) und Wiesendamm (19281930).
Die Terrakottaarbeiten am Schumacherbau des Untersuchungsgefängnisses (1927-1928) stammen ebenso aus seiner Werkstatt wie die am Altersheim in Groß Borstel (1929-1931).
b. Arbeiten für Fritz Höger
Ebenso bedeutsam wie die Zusammenarbeit mit Fritz Schumacher erwies sich das Zusammenwirken mit dem anderen großen Erneuerer des Backsteinbaus, dem Baumeister Fritz Höger. An dem aufsehenerregenden Bau des Chilehauses (1921-1924) war Curt Wessely mit der Lieferung von Fensterumrahmungen beteiligt. Auch für den 1927 begonnenen Bau des Sprinkenhofes, den Fritz Höger gemeinsam mit den Gebrüdern Gerson aufführte, lieferte Wessely Baukeramik. Zur Einweihung des Chilehauses wurde das Ehepaar Wessely eingeladen, und es bildete sich eine engere Bekanntschaft zwischen ihm und Fritz Höger aus. Man traf sich auf Künstlerfesten und zog danach am frühen Morgen zum Kaffeetrinken mit Fritz Höger und seiner Frau Anni in deren Haus an der Magdalenenstraße 70. Auch an der Feier zum fünfzigsten Geburtstag Högers am 12. Juni 1927 nahm das Ehepaar Wessely teil. Wessely hatte dafür eigens einen mit eingefügten goldglasierten Steinen verzierten Thron geschaffen. Darauf saß Fritz Höger bei der Begrüßung der Gäste wie ein Barockfürst in einen Samtrock gekleidet, seine Gattin eine Stufe tiefer, und die Gäste nahmen auf Kissen auf dem Fußboden Platz. Die Tafel war in der großen Veranda, welche die ganze Rückwand des Hauses einnahm und deren Wände mit edlen Teppichen geschmückt waren, aufgebaut worden. Frau Wessely wurde von Hermann Claudius zu Tisch geführt. Auch ein zweiter Hamburger Lehrer und Dichter, Hans Leip, befand sich unter den Gästen.
Auf der Unterlage einer Grünglasur entwickelte Curt Wessely mit dem tüchtigen Meister Paul Krömer eine besonders schöne Goldglasur. Der am 29. Juni 1878 in Weimar geborene Krömer war nach dem Besuch der dortigen Kunstschule und mehrjähriger Wanderschaft 1899 als Werkmeister in die Firma eingetreten. Er erwies sich in vierundvierzigjähriger Tätigkeit in der Firma als ein treuer und ausgezeichneter Mitarbeiter. Mit der neuen Goldglasur hergestellte Keramikarbeiten verwendete Fritz Höger vielfach an seinen Bauten. So benutzte er 1925 an dem Bau des Verlagshauses Broschek & Co. an den Großen Bleichen feuervergoldete Klinkerspitzen. Für das Rathaus in Rüstringen, das Höger 1928-1929 baute, lieferte Wessely Klinkerterrakotta für das Portal und feuervergoldete Steine für die aus Klinkern gestalteten Löwen. Das 1927-1928 von Höger errichtete Verlagsgebäude des Hannoverschen Anzeigers in Hannover erhielt aus Wesselys Werkstatt die Goldsterne und feuervergoldeten Buchstaben. Für die Umrahmung der Bilder des Professors Pfannenschmidt auf einer Ausstellung in Berlin entwarf Höger den Plan, und Wessely führte ihn in Goldsteinen aus. Für ein von Höger entworfenes Grabmal in Sömmerda in Thüringen lieferte er ebenfalls vergoldete Steine.
Für Högers Bau des Krankenhauses in Delmenhorst formte Richard Kuöhl farbige Klinkerterrakotten, die bei Wessely hergestellt wurden. Feuervergoldete Steinornamente verwendete Höger auch für die Zigarettenfabrik Haus Neuerburg in der Walddörferstraße in Wandsbek (1926-1929), das Lyzeum an der Curschmannstraße (1926-1928) und am Portal der Parfümeriefabrik Schenk in Berlin.
c. Andere Keramikarbeiten
Noch während der Zusammenarbeit mit seinem Vater hatte Curt Wessely Anteil an der Herstellung verschiedener keramischer Arbeiten. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden vielerorts Ehrenmale für die Gefallenen. So ehrte der Kameradschaftsbund der Einunddreißiger, des ehemaligen Altonaer Infanterie-Regiments 31, seine gefallenen Kameraden durch ein Ehrenmal bei der St. Johanniskirche an der Max-Brauer-Allee. Die Terrakottaarbeiten für dieses von den Architekten Esselmann und Gerntke entworfene und von Professor Henneberg modellierte Denkmal lieferte Wesselys Werk. Ebenso brannte es die Terrakotten für das von Baurat Dr. Hacker entworfene Ehrenmal des Eilbecker Hockeyclubs in Wellingsbüttel und das von H. Klug entworfene Ehrenmal in Volksdorf. Auch der Kirchengemeinde in Bremen-Horn lieferte Wessely Terrakotta für ihr Ehrenmal.
Curt Wessely arbeitete außer mit Schumacher, Höger und Richard Kuöhl noch mit vielen anderen Architekten und Bildhauern zusammen. So lieferte er Terrakotten und feuervergoldete Buchstaben für die vom Architekten Friedrich Ostermeyer errichteten Wohnhäuser der Beamtenwohnhaus-Gesellschaft an der Marckmannstraße, für die von den Architekten Esselmann und Gerntke erbauten Beamtenwohnhäuser an der Pinneberger Chaussee, die von seinem Neffen, dem Bildhauer Hermann Perl, geschaffenen Klinkerterrakotten an den von W Behrens errichteten Wohnhäusern am Steinhauerdamm und einen Brunnen aus farbigem Steinzeug für den Deutschen Bauarbeiter-Verband. Dem Architekten G. Langmaack lieferte er Terrakotten für die Halle eines Studentenheims. Die Architekten Schopp und Vortmann stellten 1929 am Bau des Bürohauses des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, der heutigen Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, am Karl-Muck-Platz fest, dass die Farben der Keramikwappen an der Decke im Wandelgang nicht stimmten. Sie erteilten daher Curt Wessely den Auftrag, diese von der Konkurrenz geschaffenen Wappen gegen eigene farbrichtige auszuwechseln. Für denselben Bau lieferte Wessely auch eine große Vase in Terrakotta. Keramik wurde auch für das Kino Kapitol an der Hoheluftchaussee und das Harmonie-Lichtspielhaus in Wandsbek hergestellt. Zifferblätter in Keramik erhielten die Rathäuser in Bergedorf und Krempe. Ein Kruzifix, das Hermann Perl für die Kirche in Bremen-Horn geschaffen hatte, wurde bei Wessely gebrannt.
Für die Kantine der Flugzeugwerft Blohm & Voß entstand ein 3 mal 5 Meter großes farbiges Fayencebild mit verschiedenen Flugbildern, mit Sonne, Mond und Sternen. Ein Fayencebild von 4,50 mal 2,50 Metern Größe ging an eine Holzfirma in Lüneburg. Auch einzelne Kasernenbauten der deutschen Wehrmacht wurden mit Arbeiten aus Wesselys Werkstatt geschmückt. So erhielt die Reichspräsident-Ebert-Kaserne an der Osdorfer Landstraße einen von Richard Kuöhl geschaffenen vergoldeten Adler in Klinkerterrakotta und die beiden Kasernen in Rahlstedt einen ebenfalls von Kuöhl geschaffenen Adler mit Feuervergoldung. Ein weiterer Adler wurde für eine Kaserne in Flensburg geliefert.
C. Der Sohn Hermann Wessely
Die beiden Söhne, der am 20. Dezember 1920 geborene Curt Jacob und der am 9. Oktober 1922 geborene Hermann Christian, erlebten eine gemeinsame frohe Kindheit in der elterlichen Wohnung am Falkenried, auf dem Gelände der Keramikfabrik mit Hof und Garten und bei den Großeltern Wessely in Groß und Busch in Klein Borstel. Nach dem Besuch der Privatschule Thedsen, die schon der Vater besucht hatte, gingen sie auf die Bismarck-Oberschule über. Schwimmen, Rudern und Radfahren waren ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen. Der ältere Curt entschied sich für die Feinmechanik. Der jüngere Hermann zeigte schon früh besondere Begabung für Malen und Modellieren und wollte Keramiker werden. Er trat 1937 als Lehrling in den väterlichen Betrieb ein und erfuhr hier unter dem Werkmeister Paul Krömer eine vielseitige und gründliche Ausbildung. Der Bildhauer und Töpfer Richard Kuöhl hatte Gefallen an dem jungen Lehrling. Er kam öfter in die Werkstatt, übte strenge Kritik an dessen Arbeiten und gab ihm Hinweise für sein Schaffen auf der Scheibe und in der Freiformung. Im Frühjahr 1941 legte Hermann Wessely vor der Handwerkskammer Hamburg die Gesellenprüfung ab. Er hatte als Gesellenstück einen Kachelofen entworfen und in allen Teilen selbst hergestellt. Unter der Überschrift „Handwerk die Stätte guter Gedanken" schrieb darüber das Hamburger Tageblatt: „In einem Raum steht ein Kachelofen. Er ist das Gesellenstück eines Lehrlings, der diesen Ofen nicht nur gebaut hat, sondern auch die Kacheln selbst formte, sie mit hauchzarten, farbigen Blumenornamenten versah und selbst brannte.
Man steht vor diesem Stück wie vor einem Erlebnis und es ist, als fingen auch alle anderen Werkstücke an zu reden. Sie sprechen von dem Fleiß und der Sorgfalt, die nötig waren, um Wertarbeit zu schaffen, sie sprechen von der Liebe ihrer Schöpfer zu ihrem Werk, von der Freude, die einen jungen Menschen erfüllt, wenn sich das ungeformte und oft spröde Material in seiner Hand zum praktischen Gegenstand oder zum künstlerischen Einfall formt. Den Kachelofen erwarb die Gattin des Inhabers der Fischbratbetriebe Daniel Wischer für ihr Haus in der Lüneburger Heide.
Für den Architekten Petersen in Bremerhaven schuf Hermann Wessely noch ein 2 mal 3 Meter großes Helgolandbild in Klinkerterrakotta. Dann wurde er Soldat. Der begabte junge Künstler fiel am 18. Januar 1944 in Rußland, sein Bruder am 17. Mai 1944 an der Via Appia in Italien.
D. Zerstörung und Wiederaufbau
In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943 warfen 726 britische Flugzeuge ihre Bomben auf die nördlichen Stadtteile Hamburgs ab. Sie zerstörten auch die Fabrik am Falkenried. Wesselys Wohnhäuser am Lehmweg und Falkenried brannten aus, doch blieben die Kachelwände des Treppenhauses mit der Blaumalerei Hermann Haases erhalten. Nur das Brennhaus und die Schornsteine der Fabrik entgingen der Zerstörung. Curt und Christa Wessely standen vor der Vernichtung ihrer Existenz, waren ausgebombt und fanden enge, aber doch gemütliche Unterkunft bei guten Freunden an der Wellingsbütteler Landstraße. Unter unsäglichen Schwierigkeiten versuchten sie, den Schutt zu räumen; mit einem Tempowagen, für den es kein Benzin gab, fuhren sie die Trümmer ab. So gelang es nach und nach, den Betrieb in stark verkleinertem Umfang wieder aufzunehmen. 1949 stürzte ein Sturm den einen Schornstein um. Wohl stellte Wessely noch zwei große Keramikfrösche her, den einen für ein Altersheim in Kiel, den anderen für das Postamt in Cuxhaven. Aber die Zeit der großen Backsteinbauten war bereits vorüber, seit die Nationalsozialisten Fritz Schumacher und Fritz Höger kaltgestellt hatten, und sie lebte auch nach dem Krieg nicht wieder auf. Fritz Schumacher starb 1947 und Fritz Höger 1949. Nun beschränkte sich der Betrieb vornehmlich auf die Herstellung von Kacheln und den Bau von Öfen und Kaminen.
Am 8. Januar 1948 erhielt Curt Wessely in dem 1918 geborenen Keramikermeister Hans Ulrich Link einen tüchtigen Mitarbeiter. Der alte Werkmeister Paul Krömer war 1943 in Rente gegangen; aber er schaute gelegentlich noch herein und bemalte auch einmal die Kacheln zur Ergänzung eines Vierländer Ofens. Außer zwei Gesellen wirkte noch ein weiblicher Lehrling im Betrieb. Anfangs arbeitete man noch mit acht mit Brikett beheizten Ofen, später wurden zwei Elektroofen angeschafft. Es entstanden noch mehrere schöne Kachelöfen.
So erhielt die Firma Raffay für die Kantine ihres damaligen Betriebes im Quellental 56 ein Schüsselkachelofen. Die Villa des Hamburger Kaufmanns und bekannten Mäzens Dr. Alfred Toepfer in Wohldorf wurde mit mehreren Fayence-Stilöfen ausgestattet. Für die Konditorei Schröder, das heutige Arkadencafe an den Alsterarkaden, schuf Wessely zwei Fayence-Kachelöfen. Sie sind nicht mehr vorhanden. Im Grundbuchamt in Hamburg wurde ein von Richard Kuöhl geschaffener Brunnen, der im Kriege durch Bomben schwer beschädigt worden war, wiederhergestellt, wobei mehrere Teile neu angefertigt werden mussten. Im Jenisch-Haus wurde der Speckter-Kachelofen gesetzt, wurden eigene Kacheln ergänzt und viele andere Arbeiten ausgeführt. Auch im Rieck-Haus, im Freilichtmuseum in Curslack, setzte Curt Wessely antike Fayenceöfen.
E. Abschied
Die Zerstörung des Werkes und der Verlust der beiden hoffnungsvollen Söhne hatten Curt Wessely schwer getroffen, und das zunehmende Alter schwächte seine Arbeitskraft. Darum schränkte er den Betrieb weiter ein. Der Keramikermeister Hans Link schied im September 1957 aus. 1958 verkaufte Curt Wessely einen Teil des Werkes für 60 000 DM an die Hamburgischen Elektrizitätswerke, und diese errichteten auf dem Gelände ein Umschaltwerk. Den Erlös steckte Wessely in den Umbau der kleineren Werkstatt mit zwei Elektrobrennöfen. Hierin wurden nur noch der ursprünglich für das Prienhaus begonnene Ofen und kleinere Sachen gebrannt. Selbst als das Alter seine Kraft lähmte, gab Curt Wessely nicht auf. Ihn hatte sein Leben lang ein tiefes Pflicht- und Verantwortungsgefühl gegenüber dem ererbten Werk beseelt. Es bestimmte ihn auch, die Firma nicht erlöschen zu lassen, sondern so lange zu erhalten, bis er in dem Töpfermeister Herbert Kohlwey den Mann gefunden hatte, dem er am 6. Oktober 1967 die Firma übergeben konnte. Am 9. April 1969 feierte das Ehepaar Wessely seine goldene Hochzeit. Am 20. Juni 1977 schloss Curt Wessely seine Augen für immer. Seine hochbetagte Gattin wohnt noch in dem 1952/1953 wiederhergestellten Haus Lehmweg 18.
So wurde die Firma A. H. Wessely aus kleinen Anfängen von Vater und Sohn zu zweimaliger Blüte geführt und dann durch den Krieg auf ihre Anfänge zurückgeworfen. Aber die alte Firma lebt und hat auch unter ihrem neuen Inhaber Joachim Kohlwey einen guten Ruf.
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